Samstag, 8. Mai 2010

Denker - ein Plädoyer für die Philosophie

"Unserer Zeit fehlen die grossen Denker", so liest und hört man es immer wieder mal.

Im Speziellen richtet sich diese Bemerkung auf die Philosophie. Doch, schaut man etwas genäuer hin, so dünkt diese Bemerkung angesichts der Tatsache dass es wohl nie wie heute so viele berufliche Philosophen gab, dass wohl mit Bestimmtheit noch nie so Viele an einer Uni Philosophie studiert haben und sie sogar auch in sonstiger beruflicher Bildung immer wieder als Bildungsfach gelernt wird, widersprüchlich.

Auch an dem was sich für Philosophie in Regalen von Bücherläden und Bibliotheken finden lässt, scheint es keineswegs zu mangeln. Philosophische Bildung ist also mehr als reichlich vorhanden und auch für Einsteiger gibt's mehr als genug Literatur.

Ein Historiker würde uns jedoch sagen, dass der Stellenwert der Philosophie zwar zu bestimmten Zeiten wohl grösser war als heute, jedoch konkret selten auf die Philosophen gehört wurde. Philosophie hat in gewisser Weise auch etwas prophetisches an sich, sie mahnt, sie macht macht auf Umstände aufmerksam, von denen man zum Zeitpunkt der Thematisierung meist noch nicht viel wissen möchte.

Nun hat sich unsere Gesellschaft jedoch hinsichtlich der Meinungsbildung quasi privatisiert, hat sich individualisiert. So, dass die Methodik der Meinungsbildung meist gar nicht gefragt ist, sondern es reicht, überhaupt eine Ansicht zu haben. Das Recht auf eigene Meinung, die Meinungsfreiheit.

Wie in allen Formen der Freiheit, liegt auch in der Meinungsfreiheit eine gewisse Ambivalenz. So hat man nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken ein gewisses und nicht zu unterschätzendes Mass an Verantwortung. Freiheit entbindet nicht vor Verantwortung, sondern bedingt sie sogar.


Über das was man als "Welterklärung" vor sich hat, kann man sämtliche Wissensgebiete heranziehen. Ob Naturwissenschaft, Geisteswissenschaften, Religion usw. Ihnen gegenüber steht die klassische Philosophie mit ihrer Disziplin Erkenntnistheorie. Sie setzt sich erst mal damit auseinander, in welcher Methodik überhaupt Schlüsse gezogen werden können und sollen.

Also auch da eine unmissverständliche Eigenheit der klassischen Philosophie : sie verlangt Konsequenz.

Eine Konsequenz die natürlich unbequem ist.

Das alte Problem der Philosophie : ausser dem Denken, der Vorstellungskraft hat sie keine Instrumente. Ein zweites typisches Problem : die Themenvielfalt und Sichtweisen innerhalb der Philosophie sind derart vielfältig, dass es in der Philosophie keine Einigkeit gibt, welche über das Allergrundsätzlichste hinausgeht. Zudem gibt es keine Institution welche Philosophische Standpunkte sichert und nach aussen hin vertritt.

In der Annahme das es nur eine Wahrheit geben kann, der Mensch jedoch in vielen Perspektiven auf diese Wahrheit sieht uns zudem erst herausfinden muss wonach er überhaupt sucht, drängt geradezu zur genannten Konsequenz.

So hat sich also auch die Philosophie selbst verändert. Einfacher ausgedrückt : weil heute so Viele mitreden können, wird es für andere Philosophierende zusehends schwieriger, diese unbequeme Konsequenz aufrecht zu erhalten.

Aber : die Philosophie ist mehr als die richtigen Antworten zu erhalten. Sie will quasi nicht nur wissen, also die Erkenntnis, sondern auch das Fragen.

Der Frage selbst wird also ebenso Gewicht verleiht, wie einer möglichen Antwort. Das sogenannte "Staunen" lässt es dem Philosophierenden offen, seine gewonnenen Erkenntnissen immer wieder aufs Neue zu prüfen und erhält sich damit auch seine Faszination an der Suche.

Das freie politisieren sowie der Intellekt der Kunst haben der klassischen Philosophie ebenfalls Boden unter den Füssen weggezogen. Im heutigen Kunstverständnis ist es mittlerweile eine Selbstverständnis, die jeweils einzelnen Werke zu beschreiben, definieren und sie zu legitimieren. Sie ist heute mehr Selbstverständnis, als Insirationsquelle und gedankliche-sinnliche Assoziation.

Ähnlich wie der klassischen Philosophie ergeht es der klassischen Psychologie. Nicht ohne Grund, denn auch sie verlangt ebenso Konsequenz, kann ebenso unbequem sein und wird ebenso durch andere Formen der Erkenntnisgewinnung ersetzt. So hat denn die Humanistische Psychologie heute kaum mehr Bedeutung. Statistik sowie naturwissenschaftliche Neurobiologie heissen heute die bevorzugten Methoden der Erkenntnisgewinnung in der Psychologie.

Auf der einen Seite wollen wir Individuen sein und als solche wahrgenommen werden. Auf der anderen Seite wissen wir, wie sehr perspektifisch die menschliche Sicht ist und noch einiger sind wir uns darin, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Irgendwie scheint das alles nicht zusammenpassen. Vor Allem nicht nicht ohne geeignetes Werkzeug.

Die menschliche Vorstellungskraft geht über seine Wahrnehmung weit hinaus. Doch die Fülle an Möglichkeiten über das was wahr sein könntze ist dermassen gross, sodass er sich trotzdem beschränken muss. Dieser scheinbare Widerspruch kann also nur dadurch behoben werden, indem er sich dessen bewusst wird. Und sich durch eben dieses Bewusstsein das Potenzial seiner Vorstellungskraft bewahrt. Sonst steht er in Gefahr zu einem lediglich noch reagierendem Wesen zu werden, statt einem nach etwas strebendem und reflektierendem. Impuls und Legitimierung blieben übrig, wenn er sich der Konsequenz, die er aus Verantwortung vor sich selbst trägt, vewehren würde. So muss die Beschränkung auf eine Perspektive keine Einschränkung, kein Mangel sein, sondern eigentlich sogar Erkenntnisgewinn. Denn dieser Erkennntisgewinn in Form einer Verinnerlichung eröffnet ihm die Sicht auf die vielfältigen Pespektiven erst, und bewahrt das - staunen . . .

anim011

Keine Kommentare: